Autor Thema: Prim/Laudes: Wie sah das im Mittelalter aus?  (Gelesen 6851 mal)

Benedikt von Söllbach

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Prim/Laudes: Wie sah das im Mittelalter aus?
« am: 09. September 2014, 17:02:28 »
Hallo zusammen,
ich befasse mich momentan etwas näher mit den Horen, speziell die in der Früh.

Üblicherweise gibt es da ja die Laudes und die Prim; Die Prim ist inzwischen aber als Dopplung zur Laudes nicht mehr üblich. In der Ordensregel finde ich aber nirgends Hinweise auf die Laudes; außer im Artikel 16 (frz. Regel), allerdings nicht als eigenständigen "Termin", sondern im Sinne von Bestandteil einer anderen Hore (hier wohl Matutin!?).
Ansonsten gibt es nur Verweise auf Matutin ("Frühmette" bei Körner) sowie die Prim.

Wie sah die Prim "damals" bei den Tempern aus? War Prim und Laudes noch eine große, lange Einheit, die erst danach aufgespalten wurde und letztendlich zur heute üblichen Abschaffung der Prim führte?
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Re:Prim/Laudes: Wie sah das im Mittelalter aus?
« Antwort #1 am: 09. September 2014, 18:25:49 »
Ich kann auf jeden Fall berichten, dass die beiden Horen bei den Zisterziensern noch getrennt waren. Laut Ecclesiastica Officia (dem Gebräuchebuch der Zisterzienser aus dem 12. Jahrhundert) trennen die beiden Horen nur ca 10-15 Minuten Intervall.
Ich hab das Teil zwar grade nicht zur Hand, aber ich würde wetten, dass da noch mehr Details zu den einzelnen Horen stehen, natürlich nach Regel der Zisterzienser. Das trifft zwar nicht den Nagel auf den Kopf, es würde mich aber wundern, wenn die Templer das zur gleichen Zeit anders gemacht hätten.

Benedikt von Söllbach

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Re:Prim/Laudes: Wie sah das im Mittelalter aus?
« Antwort #2 am: 16. September 2014, 20:57:31 »
Aber warum? Die Zisterzienser lebten viel strenger als die Templer...
Das Stundengebet war wohl ausserdem nicht so standardisiert wie heute.

Ich hab grad in einem Buch gegenteilige Andeutungen gelesen und schaue, ob ich es per Fernleihe bekommen kann.
« Letzte Änderung: 16. September 2014, 21:00:35 von Benedikt von Söllbach »
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Re:Prim/Laudes: Wie sah das im Mittelalter aus?
« Antwort #3 am: 06. Oktober 2014, 12:35:23 »
Ich habe das Buch inzwischen hier liegen und arbeite es durch.
In der Templerregel gibt es noch weitere Hinweise, dass "Laudes" Bestandteil der Matutin war. Die "Lesehore" wie wir sie heute kennen, gab es damals noch nicht, sie entstand aus der Matutin.

Demnach stellt es sich für mich folgendermaßen dar:
- Nachts nach Mitternacht die erste Hore des Tages = Matutin Laudes als Bestandteil und eine Art Kombination aus heutiger Lesehore und heutiger Laudes
- Morgens vor Beginn der Arbeit die Prim (oder doch bereits bei Sonnenaufgang?)

Ich suche weiter in dieser Richtung.
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Re:Prim/Laudes: Wie sah das im Mittelalter aus?
« Antwort #4 am: 08. Oktober 2014, 15:06:09 »
Die Festlegung der Matutin auf ca. 02:00 heutiger Zeiteinteilung ist ja der klassischen Benediktinerregel entnommen; das wäre ein Punkt für "Matutin inkl. Laudes" bei Sonnenaufgang analog den Zisterziensern, danach Prim.
Aber dann ergibt der Templerartikel "du darfst dich zum schlafen zwischen Matutin und Prim nochmal hinlegen" überhaupt keinen Sinn...

Hast du eine (online-)Quelle für die "Ecclesiastica Officia"?
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Re:Prim/Laudes: Wie sah das im Mittelalter aus?
« Antwort #5 am: 16. Oktober 2014, 22:35:44 »
Ich habe mal was neues; den Odenhtal ("Liturgie vom Frühen Mittelalter zum Zeitalter der Konfessionalisierung"; ISBN 978-3-16-150941-4) habe ich jetzt fertig durchgearbeitet.
Leider geht er nicht im Detail auf meine Frage ein; das Buch bezieht sich auch leider nur auf eine geographische Auswahl (Halberstadt und einige weitere Pfarreien in der Diozöse, sowie ein weiterer Dom; er nimmt aber immer wieder auch Quellen anderer Orte, wie das Kloster Fulda und andere mit rein), Verallgemeinerungen sind also mit Vorsicht zu genießen.

Hier stellt es sich jedoch folgendermaßen dar:
- Grundsätzlich scheint das Stundengebet auch im Spätmittelalter und auch der frühen Neuzeit nicht standardisiert gewesen zu sein. Selbst in naher Nachbarschaft gab es teils deutliche Unterschiede in der Ausgestaltung (z.b. welcher Psalm wann, Weglassen/hinzufügen mancher Teile; zusammenlegen von Gebetszeiten).
- Im HoMi gab es jedoch wiederholte Standardisierungsversuche, die teilweise auch fruchteten. Wichtigster Faktor für den Erfolg späterer Versuche war die Erfindung des Buchdrucks.
- Die Matutin und Vesper wurden häufig zelebriert; die kleinen Horen wurden mitunter schon im Mittelalter ausgespart.
- Die Franziskaner verbeiteten mit Erfolg ein im 13. Jhd. ein "standardisiertes" Brevier, das sich am Ritus in Rom orientierte ("Breviarum secundum usum romae curiae").
- Ab dem 13. Jhd. gab es Tendenzen, die Stundenliturgie immer weiter zu kürzen und zu verienfachen.
- Das Konzil von Trient 1568 kodifiziert zum sehr großen Teil lediglich bereits seit dem Mittelalter gültige Praxis; es wird wenig Neues eingeführt (Achtung: Das ist genau die "Tridentische Liturgie" z.b. Messe, aber auch "alter römischer Ritus" wie wir die Komplet und Prim gebaut haben!)
- Die Vigilien und Laudes sind zur Zeit Luthers fast grundsätzlich bereits verschmolzen. Seit dem HoMi starke Tendenz, alle Horen des Tages zu einer "Tageshore" zusammenzufassen.
- Die Laudes wurden im Verlauf es Früh- und Hochmittelalters "Anhängsel" der Matutin und bildeten keine eigene Hore mehr (das deckt sich mit der Templerregel: Dort wird Matutin und Prim als separate Horen erwähnt; die Laudes nur in Zusammenhang mit der Matutin!)
- 1589 war die Stundenliturgie an einem Ort bereits so eingekürzt, dass zwischen 6-7 Uhr die Matutin/Laudes (mit drei bibl. Lesungen) gesungen wurden und bereits um 2 Uhr Nachmittags die Vesper und Komplet (direkt im Anschluss). Die anderen Horen entfielen komplett, außer an drei hohen Festtagen im Jahr. An einem anderen Ort (Halberstadt) war es hingegen so, dass stattdessen die Terz, Sext und Non direkt nach "neuer" Matutin (also Matutin und Laudes kombiniert) in der Früh gesungen wurden und am restlichen Tag kein Stundengebet mehr stattfand.
- Der Lettner trennte damals den Chor von den restlichen Gläubigen; dies blieb bis mindestens 1523 nachweisbar so (beachtenswert §148 der franz. Templerregel, die das für die Brüder auch so bestimmt!).
- Weltliche Laien hatten das Bedürfnis, "mitzumachen", dies schafften aber - wenn - nur die gebildeten und wohlhabenderen Stände. Das "normale Volk" nahm wohl schweigend Teil.


Ich denke, die Tendenz ist klar. Wir sind zwar noch davon entfernt, das Hieb- und Stichfest für die Templer zu haben; aber die Deckung mit der Templerregel finde ich schon interessant und vor allem nachvollziebar. Demnach war es wohl tatsächlich so, wie die Ordensregel suggeriert: dass die Matutin bei den Templern die Laudes enthielt sowie noch kurz nach Mitternacht dran war und erst am Morgen bei Sonnenaufgang die Prim anstand.



Odenthal verweist auf Angelus Häusslings ""Tagzeitenliturgie", das ich versuche zu bekommen. Vielleicht gibt es dort noch mehr Hinweise.
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Johannes vom Gollenstein

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Re:Prim/Laudes: Wie sah das im Mittelalter aus?
« Antwort #6 am: 17. Oktober 2014, 08:06:29 »
Sehr interessant! Danke für's Finden!

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Re:Prim/Laudes: Wie sah das im Mittelalter aus?
« Antwort #7 am: 18. Oktober 2014, 21:20:52 »
Hast du eine (online-)Quelle für die "Ecclesiastica Officia"?

Nein, leider nicht. Ich habe sie damals auch nur leihweise über einen Dozenten an der Universität erhalten können.

Die Festlegung der Matutin auf ca. 02:00 heutiger Zeiteinteilung ist ja der klassischen Benediktinerregel entnommen; das wäre ein Punkt für "Matutin inkl. Laudes" bei Sonnenaufgang analog den Zisterziensern, danach Prim.
Aber dann ergibt der Templerartikel "du darfst dich zum schlafen zwischen Matutin und Prim nochmal hinlegen" überhaupt keinen Sinn...

Es ist natürlich schwierig die Zeitangaben auf heutige Uhrzeiten umzumünzen, weil man sich im Mittelalter halt grob nach Sonnenauf- und untergang gerichtet hat.
Die Benediktsregel verlangt meines Wissens um die 8. Stunde der Nacht aufzustehen und die Matutin/Vigilien zu beten. D.h. den Beginn würde ich auch grob auf ca. 1-2 Uhr Nachts legen.
Die Laudes ist dann die Hore die sich nach dem Sonnenaufgang richtet, d.h hier hätten wir dann einen großen jahrezeitlichen Unterschied. Im Sommer,also um die Sommersonnenwende wäre das etwa 3.15 Uhr, im Winter 7.10 Uhr.
Die Prim würde bei den Zisterziensern dann im Sommer zwischen 4.00 und 5.00 und im Winter etwa um 8.00 gebetet werden.

Wenn ich dich richtig verstehe dann tendierst du momentan eher dazu, dass die Laudes in die Vigilien übernommen wurden, statt die Prim in die Laudes?
Dann ergibt "du darfst dich zum schlafen zwischen Matutin und Prim nochmal hinlegen" ja doch Sinn, es sei denn du vermutest, dass die gemeinsame Vigil/Laudes zur Zeit der Laudes, also Sonnenaufgang, und nicht zur Zeit der Vigil gebetet wurde.
Denn zwischen Vigilien und Prim wäre dann, vor allem im Winter, eben noch genug Zeit sich noch etwas hinzulegen, im Sommer hat man anscheinend in den Orden eh nicht wahnsinnig viel geschlafen :o.
Ich meine auch irgendwo aufgeschnappt zu haben, dass die Vigil im Nachtgewand gebetet wurde, was ja ebenfalls dafür sprechen würde, dass man sich danach nochmal hinlegen darf, ansonsten könnte man sich ja gleich vollständig anziehen.


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Re:Prim/Laudes: Wie sah das im Mittelalter aus?
« Antwort #8 am: 18. Oktober 2014, 22:26:07 »
Das mit dem Nachtgewand steht so in der Templerregel. Ich bij, wie du vermutest, aktuell der Meinung, dass die Laudes Bestandteil der Matutin waren, ich möchte das aber noch fester untermauern.
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